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PRM in der Schweiz

In der Schweizer Weiterbildungsordnung für den Facharzt PMR sind neben einem Jahr Innere Medizin und einem Jahr Neurorehabilitation mindestens 2 Jahre muskuloskelettale Rehabilitation vorgeschrieben. Von der Fachgesellschaft (SGPMR) wird bei Interesse für die pneumologische, pädiatrische, kardiale, geriatrische oder Neurorehabilitation ein entsprechender Doppelfacharzt empfohlen. Ansonsten wird die Fokussierung auf die muskuloskelettale Medizin mit Fächern wie Orthopädische Chirurgie/Traumatologie und/oder Rheumatologie sowie zusätzliche Weiterbildung in Manueller Medizin, Triggerpunkt-Behandlung, interventionelle Schmerztherapie und Sonografie der Bewegungsapparates empfohlen. Erklärt wird diese Empfehlung durch den nicht existierenden Facharzttitel für Muskuloskelettale Medizin. Wichtig für Ausländer ist, dass mindestens 2 Jahre des Kernfaches in der Schweiz absolviert werden müssen.

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Historisch gibt es einen orthopädischen Chirurgen und einen Facharzt für Rheumatologie, Physikalische Medizin und Rehabilitation. Letzterer wurde vor wenigen Jahren aufgeteilt in einen Facharzt für Rheumatologie und einen Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation. Dadurch werden Patienten mit Beschwerden im Bewegungsapparat vom Rheumatologen oder dem Arzt für PMR behandelt und überweisen an den chirurgisch tätigen Orthopäden zur OP oder zur Zweitmeinung bei Grenzfällen. In den Krankenhäusern existiert häufig eine Abteilung für Rheumatologie und Physikalische Medizin. Hier wird das gesamte konservative und entzündliche Spektrum des Bewegungsapparates behandelt. Teilweise werden die Patienten auch postoperativ behandelt z.T. mit Rehaansatz. Im ambulanten Sektor sind ebenfalls Rheumatologen und PMRler auf dem muskuloskelettalen Gebiet vertreten. Daneben gibt es natürlich klassische Rehaangebote, stationär wie ambulant.

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In der Schweiz gibt es als Besonderheit, im Vergleich zu Deutschland, den eigenständigen Berufsstand der Chiropraktoren. Diese dürfen neben der manuellen Behandlung NSAR verschreiben und haben den Titel Dr. chir.. Physiotherapeuten dürfen das Dry Needling ohne Zusatzausbildung machen.

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Ich habe einen Großteil meiner Weiterbildung mit muskuloskelettalem Fokus in der Schweiz absolviert und dies als sehr gewinnbringend erlebt. Bis auf 3 Monate, in denen ich in einer Rehaklinik mehr mit Papieren, als mit den Patienten beschäftigt war, war ich durchwegs in Akuthäusern. Hier habe ich von der ambulanten Sprechstunde, über den Notfall, die Station bis hin zur Mitbetreuung von Intensivpatienten alle Stationen durchschritten.

Als sehr positiv habe ich eine hohe Bereitschaft zum Teaching erlebt. Von der Einlernphase über strukturierte Angebote abteilungsintern oder fachübergreifend klinikintern (gezielte Assistenzarztfortbildungen, Röntgenrapport, Physiorapport, Balintgruppe...) über die grundsätzliche Möglichkeit Fortbildungen z.B. im Unispital während der Arbeitszeit zu nutzen, bis hin zum persönlichen Teaching durch Oberärzte im ambulanten oder stationären Bereich (Patientenbesprechungen, Infiltrationen, Ultraschall...).  V.a. letzteres ist natürlich unterschiedlich, generell habe ich das aber so erfahren.

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Neben den geforderten 5 Jahren Weiterbildungszeit muss man für den Facharzt 10 theoretische Weiterbildungstage absolvieren. Diese werden schweizweit, jedoch vorrangig im deutschsprachigen Teil angeboten. Die Qualität ist durchwegs sehr gut. Hier nutzen die Kliniken die Möglichkeit sich zu präsentieren. Man erhält Einblicke in sehr unterschiedliche spezielle Aspekte der Physikalischen und der Rehamedizin. So war ich beispielsweise auf Fortbildungen im international bekannten Paraplegikerzentrum in Nottwil oder auch in einer hochkarätigen, auf Sportmediziner spezialisierten ambulanten Einrichtung in Zürich.

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Vorgeschrieben ist für das Erlangen des Facharztes ein Röntgenkurs. Die deutsche Sachkunde kann hierzu angerechnet werden.

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Die Facharztprüfung ist in 2 Teile gegliedert. Zunächst in eine schriftliche Prüfung, die sich aus Multiple Choice Fragen auf englisch zusammensetzt und zeitgleich international einmal jährlich abgehalten wird. Bei Erfolg wird man zur mündlichen Prüfung zugelassen. Diese findet ebenfalls einmal jährlich schweizweit statt. Nach erfolgreichem Bestehen beider Prüfungen, absolvieren der notwendigen Weiterbildungszeiten sowie der theoretischen Weiterbildungstage bekommt man den FMH-Titel PMR verliehen. Zugleich bekommt man ein Zertifikat des European Board of Physical and Rehabilitation Medicine. Den Schweizer Titel kann man in Deutschland anerkennen lassen. Informationen zur Weiterbildungsordnung lassen sich unter fmh.ch und reha-schweiz.ch finden.

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Meines Erachtens bietet sich die Schweiz für Leute an, die gerne weitgehend unkompliziert (Stichwort Sprachkenntnisse) ausländische Luft schnuppern und vom guten Ausbildungssystem der Schweiz profitieren möchten. Ob ein finanzieller Anreiz der richtige Beweggrund ist, sei angesichts der hohen Lebenshaltungskosten, den im Vergleich wenigen Feier- und Ferientagen sowie der regulären 50-Stundenwoche dahingestellt. Der Arbeitsdruck jedoch erscheint angesichts meist längerer Mittags- und regulärer Kaffepausen sowie der erwähnten Möglichkeit zum Teaching bzw. dem Wahrnehmen von diversen Fortbildungsmöglichgkeiten geringer als in Deutschland. Letztlich sind es aber genau diese letztgenannten Faktoren, die neben dem persönlichen Engagement, ausschlaggebend sind für eine intensive und erfolgreiche Weiterbildungszeit.

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A. K.

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